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vor 5 Tagen

Chancen trotz Not

Ukrainian flag painted concrete

Auswirkung des Ukraine-Kriegs auf den Fachkräftemangel in der Schweiz

Dass Krieg ein hässlicher Krake ist, der mit seinen Fangarmen in den verschiedensten Bereichen und auf un­ter­schiedlichen Ebenen für blinde Zerstörung, Verwüstung und Destabilisierung sorgt, haben uns die vergan­ge­nen Wo­chen mehr als deutlich gezeigt. In unserem neusten Blogbeitrag zeigen wir, wes­halb sich der Krieg in der Ukraine so negativ auf den ohnehin prekären Fachkräftemangel in der Schweiz, insbe­sondere in der IT-Bran­che, auswirkt. Aber auch, dass daraus allenfalls Chancen entstehen können.

Bis vor wenige Wochen noch haben viele Schweizer Unternehmen sehr eng mit IT-Dienstleistern in der Ukraine zusammengearbeitet, etliche davon haben ganze IT-Entwicklungsprojekte an die dortigen Spezialisten ausgela­gert. Allein im Jahr 2021 hat die Schweiz Informatik-Dienstleistungen im Wert von über 111 Millionen Dollar aus der Ukraine importiert (Vergleich: USA für 2 Milliarden Dollar) [1]. Insgesamt haben sich die ukrainischen IT-Exporte innerhalb von drei Jahren verdoppelt. Ihr offizieller Wert wird mit 6.8 Mia. USD beziffert. Damit trägt der IT-Export doppelt so viel zum BIP des Landes bei, als das russische Gastransportsystem auf ukrainischem Gebiet. Bis ins Jahr 2025 soll der ukrainische IT-Export einen geschätzten Wert von 12.7 bis 16.3 Mia. USD erreichen [2].

Seit Kriegsbeginn jedoch, können Tausende der hochqualifizierten ukrainischen IT-Fach­kräfte ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen, entweder kämpfen sie Schulter an Schulter für ihr Land, sind auf der Flucht oder haben in Europa Asyl gefunden.

Doch nicht nur aus der Ukraine flüchten Fachkräfte mit Informatik- und naturwissenschaftlichem Background, sondern auch aus Russland. Laut dem «Russischen Verband für elektronische Kommunikation» (Raec) sind be­reits gegen 70'000 Fachkräfte aus Russland geflohen, 100'000 weitere könnten diesen Monat mit primärem Ziel Ar­me­nien, Ge­orgien, Türkei oder Finnland ausreisen. Der Exodus wäre noch grösser, wenn nicht teure Flüge und teure Unterkünfte im Ausland und die Unmöglichkeit internationaler Finanztransfers die Auswande­rungswil­ligen von der Ausreise abhalten würden [3].

Ukraine und Russland – Hochburgen der IT-Fachkräfte

Schätzungsweise gibt es in der Ukraine 285’000 IT-Fachkräfte, darunter Softwareentwickler, Cloud-Computing-Experten und Ingenieure für digitale Infrastrukturen. In ganz Russland sind es über 1,5 Millionen. Die Fachkräfte in der Ukraine arbeiten mehrheitlich für internationale Unternehmen, entweder als Auftragnehmer oder als An­gestellte. Rund zwei Drittel davon sind für IT-Outsourcing-Unternehmen tätig, die ihre Dienstleistungen an Kun­den im Westen verkaufen [4].

Von den Übrigen arbeiten viele in einem der mehr als 100 Forschungs- und Entwicklungszentren multina­tionaler Tech-Giganten wie Microsoft, Ericsson, Siemens und Oracle, die in der Ukraine ansässig sind. Das Land zwischen Galizien und Asowschem Meer ist auch Heimat vieler internationaler Start-ups und Technologie­unternehmen wie GitLab, Grammarly oder Template Monster. Insgesamt zählt die Ukraine über 3000 Technologieunterneh­men.

Im Nachbarland Russland arbeiten IT-Fachkräfte überwiegend als Auftragnehmer oder Freiberufler, nur ein rela­tiv kleiner Teil von ihnen ist angestellt [2].

IT-Fachkräftemangel in der Schweiz

In der Schweiz zählen wir aktuell rund 108'000 Beschäftigte in den fünf Berufsarten der Informatikberufe, das entspricht ungefähr 2.7% des Totals der Beschäftigten. Bei diesen Berufen kann ein ausgeprägter Fachkräftebe­darf beobachtet werden. Der Gesamtindex für Fachkräftebedarf beträgt 6.4 und liegt damit im Quervergleich mit den übrigen Berufen im obersten Drittel. Abgesehen von den Informatikoperateuren besteht derzeit in sämtli­chen Informatikberufen ein Fachkräftemangel. Kein Wunder also, liegt hier die Arbeitslosenquote mit insgesamt 2.6% deutlich unter dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt von 3.2%. Die Quote der offenen Stellen (QoS) liegt mit insgesamt 6.8% weit über dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt von 2.1%. Besonders sticht die hohe QoS-Quote bei den Programmierinnen und Programmierern ins Auge, sie beträgt 24.5% (tiefster QoS: 2.1% bei Informatikoperateurinnen und Informatikoperateuren).

Die vielen offenen Stellen bei gleichzeitig tiefer Arbeitslosigkeit und die starke Abhängigkeit von zugewanderten ausländischen Arbeitskräften zeigen deutlich, dass die Fachkräftenachfrage nur schwer zu decken ist. Hohe Qualifikationsanforderungen – und damit einhergehend eine vergleichsweise hohe Spezifizität der Informatik­berufe – erschweren die Suche nach entsprechend qualifizierten Fachkräften zusätzlich [4].

Der Krieg in der Ukraine trägt zusätzlich wesentlich dazu bei, dass diese ohnehin prekäre Fachkräfte-Situation sich in der Schweiz, aber auch in der DACH- und der gesamten EU-Region, weiter massiv verschlechtert.

Not als Chance

Als Schweizer Personaldienstleister, der sich vor allem mit dem Recruiting hochqualifizierter IT-Fachkräfte etab­liert hat, sehen wir trotz der dramatischen Lage aber auch eine kleine Chance, sowohl für aus der Ukraine ge­flüchtete IT-Fach­kräfte wie auch für unter dem Fachkräftemangel leidende Schweizer Unternehmen.

Der vom Bundesrat aktivierte Schutzstatus S ermöglicht uns wenigstens, qualifizierte ukrainische IT-Fachkräfte, die einen Ausweis S erhalten haben, auch im Personalverleih rasch und unkompliziert zu vermitteln. So können immerhin diese verfügbaren IT-Fachkräfte ein paar Lücken füllen. Förderlich ist dabei, dass sehr viele von ihnen recht gut Deutsch und/oder Englisch sprechen, die Sprachbarrieren sind somit weniger hoch. Zudem wün­schen sie sich, schnellstmög­lich Arbeit zu finden. Nicht zuletzt, um wenigstens ein kleines bisschen Normalität in ihre eigene ungemein schwierige Situation zu bringen.

Aus dieser Perspektive darf der erwähnte Fachkräftemangel in der Schweizer IT-Branche fast schon als Glück im Unglück verstanden werden. Denn die in diesen Wochen in unser Land migrierenden ukrainischen IT-Spezia­listen treffen hier, wie auch ihre Landsleute aus anderen Fachbereichen, auf offene Stellen in grosser Zahl. Gleichzeitig stehen potenziellen Stellenanbietern zusätzliche Kandidaten für eine Anstellung, auch temporär oder im Personalverleih, gegenüber.

Der Aufbau beginnt jetzt

Noch steht in den Sternen, wann und wie der Konflikt in der Ukraine enden wird. Gerade deswegen ist es unge­mein wichtig, den geflüchteten Menschen jetzt Ausbildungs- und Erwerbsmöglichkeiten zu bieten. Mit der In­tegration von ukrainischen IT-Fachkräften in den Schweizer Arbeitsmarkt wird nicht nur kurzfristig ein Problem der hiesigen Unternehmen befriedigt. Vielmehr handelt es sich dabei um eine Investition in die Zukunft, denn produktive, eingespielte und personell ausreichend besetzte IT-Teams sind für jedes Unternehmen − egal wo es diese geografisch eingesetzt − auch mittel- und langfristig ein Gewinn.

Wir bieten Unterstützung

Als renommierter Schweizer Personal­dienstleister und anerkannter Personalverleiher ist es uns ein grosses Anliegen, mitzuhelfen, ukrainische Bewerberinnen und Bewerber mit einem Ausweis S schnell und unkompliziert in den Schweizer Arbeitsmarkt zu integrieren. So bitten wir auch alle, die Kontakt zu Flüchtlingen haben, die in der IT-Branche tätig sind, sich bei uns melden oder diesen empfehlen, uns zu kontaktieren. Es ist für unser ganzes Team eine humanitäre und somit selbstverständliche Pflicht, den aus ihrer Heimat vertriebenen Menschen bei der Jobsuche Unterstützung zu bieten, wo wir nur können.

Schutzstatus S − kurz erklärt

Wer den «Ausweis S» des Staatssekretariats für Migration SEM erhält, ist zum vorläufigen Aufenthalt in der Schweiz berechtigt, vorerst für ein Jahr. Der Status S ermöglicht den Schutzbedürftigen, ihre Familienangehörigen nachzuziehen und entspricht weitgehend jener Lösung, welche die EU-Mitgliedstaaten beschlossen haben. Jeder Stellenantritt und -wechsel bedarf der vorgängigen Bewilligung. Bei Stellenbewer­bungen muss der Ausweis dem prospektiven Arbeitgeber vorgelegt werden.

Quellen

[1] BLICK vom 13.03.22

[2] Krusche & Company GmbH vom 22.03.22

[3] SwissCyberSecurity.net vom 28.03.22

[4] SECO-Dossier «Fachkräftemangel in der Schweiz» (2016)

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